Seit drei Jahren arbeiten rund 130 Göttinger niedergelassene Haus- und Fachärzte in einem Präventionsprojekt zusammen, dem Verein "Ärzte für ambulante Prävention und Rehabilitation". Eine zentrale Rolle spielt dabei das Kino. Jetzt könnte das Modell auch niedersachsenweit eingesetzt werden.
Kinofilme dienen Ärzten als Eisbrecher für Tabuthemen.
Männergesundheit, Raucherentwöhnung, Mammographie, Sexualmedizin, Ernährungsberatung oder Stressbewältigung - das Beratungs-Angebot der teilnehmenden Ärzte für ihre Patienten ist breit gefächert, berichtet der Göttinger Internist und Vorsitzende der Initiative, Thomas Suermann. Er ist auch Präventionsbeauftragter der Ärztekammer Niedersachsen.
Alljährlich organisieren die Göttinger fünf bis sechs Veranstaltungen zu besonderen Präventionsthemen und erstellen Arztlisten mit bestimmten Präventionsangeboten.
Die Veranstaltungen orientieren sich oft an bestehenden Einrichtungen, etwa am "Darmkrebsmonat März", oder dem "April der Männergesundheit" oder am Mamma-Screening-Programm. Außerdem kümmert sich der Verein um die Fortbildung der eingebundenen Kolleginnen und Kollegen.
Die Koordination des Events übernehmen je zwei Ärzte
Für die Publikumsveranstaltungen suchen sich je ein Facharzt und ein Hausarzt einen Referenten und stellen das jeweilige Angebot auf die Beine. "Die Angebote für die Patienten haben die Form eines Workshops aus Vorträgen und zum Beispiel einer Filmvorführung", erklärt Suermann, "eine sehr gute Kombination."
Hollywood trägt zur Entkrampfung bei Themen wie Sex bei.
So wurde zum Thema Männergesundheit zwar auch viel an Gesundheitsinformationen in Vorträgen an die Besucher weiter gegeben. Aber die Film-Komödie "Was das Herz begehrt", in der Alt-Macho Jack Nicholson, statt den feurigen Liebhaber zu mimen, im Bett mit Diane Keaton mit Herzinfarkt und Impotenz zu kämpfen hat, war bei der Veranstaltung der Höhepunkt und hat viel zur Entkrampfung der Themen Alter, Sexualität und Potenzproblemen beigetragen, berichtet Suermann. "Schade, dass das Wetter so gut war, sonst hätten wir noch mehr Besucher gehabt", resümiert der Arzt.
Die nächste Veranstaltung der Ärzte im Kino mit der gleichen Machart aus Vortrag und Film wird heißen: "Bettnässen - (k)ein Problem. Kindliche Inkontinenz". In der Regel nehmen zwischen 30 und 100 Menschen an den Veranstaltungen teil, berichtet Suemann.
Kollegen sorgen auch für interne Fortbildungsangebote
Zugleich organisiert der Verein reha- und präventionsorientierte Veranstaltungen zur internen Fortbildung für Kolleginnen und Kollegen. Gegen einen Mitgliedsbeitrag von 30 Euro im Jahr können die Ärzte die Fortbildungsvorträge auf der Homepage des Vereins abrufen (www.praevention-goettingen.de).
Auf der Homepage können die Mitglieder-Ärzte auch "ihre Praxen und ihr Behandlungsspektrum darstellen", so Suermann, "das ist auch im Hinblick auf die Selbstzahlerleistungen sinnvoll." Inzwischen ist das Angebot derart gewachsen, "dass wir eigentlich so etwas wie einen Manager bräuchten", konstatiert der Internist.
"Unser Projekt haben wir schon 2005 ins Leben gerufen", sagt Vereinsvorsitzender Suermann zur "Ärzte Zeitung". Es ist entstanden aus einem lockeren Zusammenschluss von niedergelassenen Ärzten, die schon Ende der 1990er Jahre eine "Lipid-Ambulanz" auf die Beine gestellt hatten. "Dieses Projekt ist zwar eingeschlafen, aber die Verbindung unter den Kollegen nicht", berichtet Suermann.
Kammer und KV arbeiten an ähnlichem Vorsorgekonzept
Kürzlich hat die Ärztekammer Niedersachsen den gemeinsam von Kammer rund KV Niedersachsen getragenen "Arbeitskreis Prävention" beauftragt, ein Konzept zu entwickeln, das die Bezirksstelle mehr in die Präventionsaktivitäten einbinden soll. Vorbild der Idee: Die Göttinger "Ärzte für ambulante Prävention und Rehabilitation".
Crossmedialer Pioniergeist
Von Matthias Wallenfels
Crossmedialer Pioniergeist in Sachen Prävention und Selbstzahlerleistungen wird belohnt. Eindrucksvoll zeigt dies das Beispiel von 130 Göttinger Haus- und Fachärzten, die für Präventionstage immer wieder viele Patienten - samt Angehörigen - mobilisieren können.
Der Erfolg liegt mit Sicherheit nicht daran, dass die Göttinger im Vergleich zu anderen Bundesbürgern ein erhöhtes Aufklärungsbedürfnis hätten. Nein, es ist das Verdienst der kooperierenden Niedergelassenen, zielgruppenspezifisch Themen rund um Prävention aufzubereiten und sie mit Event-Charakter zu vermarkten. Sie laden an einem Samstag oder Sonntag in ein örtliches Kino ein und garnieren wissenschaftliche Vorträge zu Krankheitsbildern wie erektiler Dysfunktion mit themengerechten Kinofilmen. Nicht aus der Schmuddelecke, sondern aus Hollywood, wohlgemerkt.
Das hat Vorteile für beide Seiten. Die Filme lockern die Zungen der Zuschauer, worauf diese nach Filmende auch viel eher bereit sind, über manche Tabuthemen zu sprechen - mit dem Partner wie mit dem Arzt, wie die Erfahrung aus dem Projekt zeigt. Zum Zweiten gehen die Patienten dann natürlich mehrheitlich in die Praxen der Referenten. So haben beide gewonnen.